Tagebuch der Etappe

etappe 11 - Lannemezan Foix 167.5 km
Mittwoch 16 Juli

Arvesen, der zweite Norweger

Nach Thor Hushovd holt heute Kurt-Asle Arvesen im Trikot des nationalen Meisters bei der Tour de France 2008 einen weiteren Etappensieg für Norwegen. Arvesen geht nicht nur diskreter zu Werk als der Sieger des grünen Trikots 2005, sondern hält auch besser mit seinen Kräften Haus als seine elf Mitausreißer auf der Etappe von Lannemezan nach Foix. Erst 4km vor dem Ziel tritt er in Erscheinung, als er Amaël Moinard einholt, der zuvor fast 60km lang einsam an der Spitze gefahren ist. Es kommt zum Dreiersprint mit Ballan und Elmiger. Arvesen holt sich mit Haaresbreite Vorsprung seinen ersten Etappensieg bei der Tour.

Eine 12-köpfige Gruppe an der Spitze
Es mangelt nicht an Freiwilligen, die versuchen, auf der heutigen Etappe einen frühen Ausreißversuch zu initiieren. Auf den ersten 24 Kilometern lösen sich einige Gruppen vorn ab, aber keiner gelingt es, einen „nennenswerten“ Vorsprung herauszufahren, sondern alle werden systematisch vom Peloton zur Ordnung gerufen. Bei Kilometer 35 versuchen Arvesen (CSC) und Wegmann (GST) ihr Glück. Ihnen schließen sich sofort Ballan (LAM), Botcharov, Fofonov (C.A), Steegmans (QST), Elmiger (ALM), Moerenhout (RAB), Velo (MRM), Vaugrenard (FDJ) und Moinard (COF) an. Pozzato (LIQ) und Fedrigo (BTL) reagieren weniger prompt, entschließen sich aber 10km später, auch in das Rennen einzugreifen. Garcia-Acosta (GCE) und Isasi (EUS), ebenfalls spät entschlossen, schaffen den Anschluss nicht mehr.

Moinard davor, Pereiro dahinter
Die Ausreißergruppe, die unterwegs Steegmans zurücklässt, kommt gut voran und hat bei Erreichen der Versorgungszone einen bequemen Vorsprung von 14’. Zu Beginn des Anstiegs hinauf zum Col du Portel wächst der Abstand sogar auf 15’’. An diesem Berg, der erstmals im Programm der Tour de France ist, beschließt Amaël Moinard anzugreifen. Er erreicht den Gipfel 1’50’’ vor seinen ehemaligen Weggefährten, während im Hauptfeld Oscar Pereiro den Anstieg ebenfalls nutzt, um davonzuziehen. Am Gipfel hat er 14’35’’ Rückstand auf Moinard, aber auch 1’55’’ Vorsprung auf das Peloton, an dessen Spitze die Fahrer von CSC Saxo Bank den Ton angeben.

Ballan der umtriebigste Fahrer
Moinard misst sich an der Herausforderung, die letzten 64km im Alleingang an der Spitze zu fahren, während ihm elf Verfolger im Nacken sitzen. Am Col del Bouich hat er nur noch 22km vor sich, aber neben der Distanz zum Ziel verkürzt sich auch sein Vorsprung: auf 1’05’’. Etwa 15km vor dem Ziel schrumpft sein Vorteil auf 20’’gegenüber der Ausreißergruppe, in der sich Ballan als aktivster Fahrer erweist. Gleichzeitig läuft die Initiative von Pereiro 21km vor dem Ziel ins Leere. Amaël Moinard erleidet 4km vor dem Ziel das gleiche Schicksal, als Elmiger und Arvesen beschleunigen. Die beiden Verfolger ziehen an Moinard vorbei, müssen aber auch mit Ballan rechnen, der 2km vor dem Ziel mit den beiden mitgeht, sowie mit Moerenhout, der sich auf dem letzten Kilometer einmischt.

Arvesen in einem Dreiersprint
Nach den von Ballan ausgelösten Erschütterungen wird der Sprint auf den letzten Metern zwischen drei Fahrern ausgetragen. Arvesen kann auf den letzten 250m enorm beschleunigen, aber Elmiger und Ballan reagieren. Der norwegische Meister rettet einen hauchdünnen Vorsprung, der ihm ausreicht, um seinen ersten Etappensieg bei der Tour de France zu holen. Fast 15 Minuten später gewinnt Thor Hushovd einen im Peloton noch heißer umkämpften Sprint um die Punkte. Die Platzierungen an der Spitze des Gesamtklassements bleiben unverändert.

 

Oscar Freire: "Ich habe wirklich gelitten."

Der Führende in der Sprintwertung baut seinen Vorsprung gegenüber dem Zweitplatzierten aus, aber Oscar Freire hatte Sorge, Punkte gegenüber dem Gewinner des grünen Trikots 2005 einzubüßen.

„Ich glaube, dass wir ab jetzt viele erfolgreiche Ausreißversuche zu sehen bekommen werden. Heute war der erste richtig heiße Tag und ich für meinen Teil habe wirklich gelitten, da der erste Kategorie-1-Anstieg echt hart war. Es gab Punkte für die ersten 20 Fahrer, deshalb habe ich versucht, im Finish ein paar Punkte zu holen. Ich habe etwas von meinem Vorsprung gegenüber [Thor] Hushovd eingebüßt, aber das Rennen ist noch lang. Ich hoffe, morgen werde ich besser sein.
Ich glaube nicht, dass es in Narbonne zu einem Massensprint kommt, da es jetzt wirklich schwierig wird, das Rennen zu kontrollieren. Jeder will in der Ausreißergruppe sein und keiner möchte kontrollieren, wenn sie sich erst einmal abgesetzt hat. Ich denke, morgen wird es wieder so sein.”

 

Cadel Evans: "Ich werde die Erfahrung genießen."

Silence-Lotto hat sich seit dem Saisonstart auf die Herausforderung vorbereitet, das gelbe Trikot zu verteidigen. Heute musste sich das Team erstmals beweisen, und Cadel Evans ist nicht nur mit der gewählten Taktik zufrieden, sondern hat die Führung im Gesamtklassement der Tour sichtlich genossen.

„Mit diesem Trikot ist es definitiv einfacher, sich seinen Weg durch die Gruppe zu bahnen. Jeder lässt dich dorthin, wo du hin willst. Aber ganz ehrlich, ich schaue nach vorn, und meine Handschuhe und mein Rad haben die gleiche Farbe wie sonst, deshalb sieht für mich alles normal aus. Was für mich zählt ist, in Paris zu gewinnen, und bis dahin genieße ich einfach die Erfahrung, das gelbe Trikot zu tragen, ganz klar, aber ich bin auch stolz, dass ich es anhabe, wenn ich die vielen australischen Fahnen entlang der Strecke sehe.
Das Gesamtklassement der Tour de France anzuführen ist wahrscheinlich für jeden Radsportler die schönste Position überhaupt und ich habe es heute wirklich genossen.
Mir geht es seit dem Sturz jeden Tag etwas besser und ich hoffe, dass ich bis zu den Alpen wieder hundertprozentig fit bin. Ich habe noch einige Schwellungen und Blutergüsse, die mir zu schaffen machen, aber ich halte durch.
Ich werde ein paar Berechnungen anstellen müssen, wenn ich die Ergebnisse sehe, um nachzuvollziehen, warum CSC soviel Verantwortung für die Verfolgung übernommen hat, aber vielleicht hängt es mit der Mannschaftswertung zusammen. Es war schwierig, nahezu unmöglich, zu den Fahrern vor uns aufzuschließen, deshalb sind wir einfach nur ruhig geblieben und haben die anderen die Arbeit machen lassen. In diesen Situationen arbeiten wir genauso viel mit dem Kopf wie mit den Beinen, und ich bin mit unserer heutigen Taktik vollends zufrieden.“

 

Kurt-Asle Arvesen: "Ein Glückstag für mich!"

Nachdem er auf den letzten 150m den Sprint ins Ziel lanciert, gewinnt Arvesen mit einem hauchdünnen Vorsprung von wenigen Zentimetern seine erste Etappe bei der Tour de France.

„Ich bin auf den ersten 40km schon fast bei dem Versuch erstickt, vorn mitzuhalten, so schnell war das Tempo. Glücklicherweise haben wir Jens Voigt im Team, der heute erneut unglaublich stark war. Er hat ganz allein alle Ausreißversuche unterbunden, und als ich an ihm vorbeizog, sagte ich: „Sorry, Jens. Jetzt bin ich mal an der Reihe, dir zu helfen.“ Also habe ich mich unter mehrere Ausreißergruppen gemischt und eine davon war die richtige. Als sich die Gruppe bildete, glaubte ich, dass wir den ganzen Tag an der Spitze fahren würden.
Ich habe mich im Finish stark gefühlt und zweimal angegriffen und mir ist es gelungen, mit Elmiger auszuscheren. Dann kam Ballan nach. Ich lag nicht in guter Position, um den Sprint zu starten, aber nachdem es einmal losging, war ich gut drauf und es hat so eben gereicht. Es ist ein Glückstag für mich.
Auf der Ziellinie war es wirklich knapp, vielleicht 5cm Vorsprung. Aber vorn ist vorn, das reicht. Ich habe auch schon mal mit so einem hauchdünnen Unterschied verloren, aber heute war mein Tag.
Moinard hat mir ganz schön Sorgen gemacht, weil er schnell zwei Minuten Vorsprung herausgefahren hat. Ich frage mich, wie er das geschafft hat, da wir hinter ihm schnell unterwegs waren. Er muss auf dem Anstieg und dann auf der Abfahrt wirklich stark gewesen sein. Anschließend haben wir zusammengearbeitet und waren relativ zuversichtlich, dass wir ihn wieder einholen würden.“

 

Amaël Moinard: "Die Stelle war ideal, um anzugreifen."

Mehr als 60km vor dem Ziel wagt Amaël Moinard den Alleingang und wird erst 4km vor der Ziellinie eingeholt. Er erhält den Brandt-Preis für den angriffsstärksten Fahrer.

„Ich kannte die heutige Strecke gut, weil ich in Toulouse lebe und die Etappen in der Region vorher genau ausgekundschaftet habe. Ich hatte diesen Anstieg ins Auge gefasst und habe übrigens heute Morgen noch zu David Moncoutié gesagt, dass dies eine ideale Stelle für Ausreißer wäre, um einen Angriff zu starten. Das habe ich also gemacht, aber ich hatte gehofft, dass zwei oder drei andere Fahrer mitgehen würden. Ich wusste, dass ich gegen Pozzato, Elmiger, Arvesen oder Ballan im Finish keinerlei Chance haben würde und nicht gewinnen konnte. Ich hatte gedacht, dass andere Fahrer das ähnlich sehen würden, aber ich war auf mich allein gestellt. Also habe ich es versucht, in der Hoffnung, damit durchzukommen.
Ich bereue es nicht. Mir ist es lieber, als Elfter ins Ziel zu kommen, aber alles versucht zu haben. Man muss etwas wagen, um zu gewinnen. Das ist das Schöne an diesem Sport und überhaupt an jedem Sport, gleich ob es zum Beispiel Fußball oder Rugby ist.“

 

Agenturmeldungen

17:05 - Hushovd führt das Peloton nach Hause

Den Sprint um den 13. Platz gewinnt ein zweiter Norweger. Thor Hushovd führt das Peloton mit 14’50" Zeitunterschied auf Kurt Asle Arvesen über die Linie.

16:54 - Die Top 10 der 11. Etappe

Das Hauptfeld ist noch etwa 15 Minuten vom Ziel der 11. Etappe in Foix entfernt. Hier die Platzierungen der 12-köpfigen Ausreißergruppe der heutigen Etappe.
1. Kurt-Asle Arvesen (NOR) CSC - 167,5km in 3h58’13"
2. Martin Elmiger (SUI) ALM - zeitgleich
3. Alesssandro Ballan (ITA) LAM - zeitgleich
4. Koos Moerenhout (NED) RAB - Abstand 2"
5. Alexandre Botcharov (RUS) C.A - Abstand 11"
6. Pierrick Fedrigo (FRA) BTL - Abstand 14"
7. Filippo Pozzato (ITA) LIQ - Abstand 14"
8. Benoit Vaugrenard (FRA) FDJ - Abstand 14"
9. Fabian Wegmann (GER) GST - Abstand 14"
10. Marco Velo (ITA) MRM - Abstand 14"
11. Dmitriy Fofonov (KAZ) C.A - Abstand 14"
12. Amael Moinard (FRA) COF - Abstand 29"

16:47 - Arvesen gewinnt seine erste Etappe

Arvesen holt den ersten Etappensieg für CSC. Er setzt sich auf den letzten Metern gegen Elmiger und Ballan durch. Er ist der zweite Norweger, der 2008 eine Etappe der Tour de France gewinnt.

16:46 - Der letzte Kilometer - drei vorn

Ein Norweger, Italiener und Schweizer fahren auf dem letzten Kilometer der 11. Etappe gegeneinanander. Moerenhout kommt dazu. Der Sprint beginnt.

16:44 - Arvesen beschleunigt

Arvesen tritt an, kann aber Elmiger oder Ballan nicht abschütteln. Er verringert lediglich das Risiko, dass andere Ausreißer auf dem letzten Kilometer an ihm vorbeiziehen.