Tagebuch der Etappe

etappe 5 - Cholet Châteauroux 232 km
Mittwoch 9 Juli

Premiere für Cavendish

In der Welt der Sprinter bereits als einer der explosiveren Art bekannt, holt sich Mark Cavendish in Châteauroux seinen ersten Etappensieg bei der Tour de France in einem Finish, das dem des Klassikers Paris – Tours ähnelt. Auf der langen geraden Ziellinie glaubt Nicolas Vogondy, der einzig noch übrig gebliebene Fahrer einer dreiköpfigen Ausreißergruppe, bis 100m vor dem Ziel noch an seine Chance, aber die Sprinterteams haben ihren Angriff bis auf den Millimeter genau berechnet. Im allgemeinen Aufbruch am Ende zieht der junge Brite als schnellster an und setzt sich mit Leichtigkeit gegen seine Gegner durch.

Soler gibt auf
Bereits seit dem ersten Renntag verletzt, stürzt Mauricio Soler erneut in der neutralen Zone auf dem Weg zum eigentlichen Start. Einige Kilometer weiter muss der Sieger der Punktewertung 2007 aufgeben. Im gleichen Moment gelingt es Lilian Jégou (FDJ) bei Kilometer 11, sich mit hohem Tempo vom Feld abzusetzen. Zwei weitere französische Fahrer, Florent Brard (COF) und Nicolas Vogondy (AGR), folgen ihm und machen die Ausreißergruppe des Tages komplett. Das Peloton hat zunächst nichts gegen ihre Eskapaden einzuwenden, aber die Teamkollegen von Stefan Schumacher verfolgen nichtsdestotrotz mit wachsamem Blick die Entwicklung des Zeitunterschieds, der bei Kilometer 52 mit 8’15’’ sein Maximum erreicht.

Ausreißer unter Kontrolle
Während der gesamten Etappe achtet das Feld darauf, dass der Abstand der drei Ausreißer überschaubar bleibt, wohl in dem Bewusstsein, dass ihnen eine Marge von 5’ am Ende nicht genügen dürfte, um zu gewinnen. Es sind vor allem die Sprinterteams, die sich vor zwei Tagen angesichts einer Ausreißergruppe gleichen Kalibers machtlos geschlagen geben mussten, die früher in Aktion treten. Bereits 70km vor dem Ziel rühren sich die Fahrer von Crédit Agricole und Columbia und führen das Feld wieder näher an die Spitze heran. Ohne Eile kommen sie 20km vor dem Ziel auf 1’20’’ an das führende Trio heran. Im Peloton bereitet man sich auf einen Massensprint vor.

Letzte Gegenwehr von Vogondy
Vogondy, Brard und Jégou, die sich auf den Ansturm des Pelotons vorbereiten, haben noch genug Energie für einen letzten „Angriff“. Abwechselnd setzen sie sich an die Spitze, um ihren mageren Vorsprung zu verteidigen, der 5km vor dem Ziel auf 20’’ schrumpft. Ihre Lage verschlechtert sich zusehends und bei der Einfahrt auf die Zielgerade sucht der französische Meister sein Glück im Alleingang. Er wird vom Feld eingeholt, in dem die „Muskelprotze“ bereits ihren Siegeszug antreten. Etwa 350m vor dem Ziel beschleunigt Mark Cavendish. Freire und Zabel fehlt es am Ende an Kraft und am richtigen Timing, um ihren Rückstand wettzumachen. Der Brite holt sich seinen ersten Etappensieg bei der Tour de France.

 

Nicolas Vogondy: "Ich hatte Gänsehaut!"

Weniger als 100m vor der Ziellinie noch eingeholt, hat Nicolas Vogondy den Tag dennoch genossen, und er erhält für seine Mühen den Brandt-Preis für den angriffsstärksten Fahrer.

„Wenn man zu Beginn des Tages angreift und sich auf dieses Abenteuer einlässt, dann immer mit dem Ziel zu gewinnen. Es fehlten mir am Ende nur knapp 100m, aber das sind die, auf die es ankommt. Es ist trotz allem ein guter Tag für das Team; es ist immer interessant, einen Tag an der Spitze zu fahren. Und wir sind in der Nähe meines Hauses vorbeigefahren, das war schön: Bei der Durchfahrt durch die Dörfer haben mich die Zuschauer an der Strecke angefeuert und ich hatte eine Gänsehaut. Ich hatte am Ende noch ein paar Reserven und darauf habe ich gebaut. Aber wenn die Sprinterteams so kämpfen wie heute, ist es wirklich schwer, dem etwas entgegenzuhalten.“

 

Stefan Schumacher: "Ab jetzt ist alles ein Bonus."

Nach einer Etappe, die fast fünfeinhalb Stunden dauerte, obwohl das Profil keine Anstiege aufwies, gesteht Stefan Schumacher, dass er die Länge gern in Kauf nahm, um das gelbe Trikot möglichst lange zu genießen. Er startet auch morgen wieder in Gelb, sieht seine Chancen in den Bergen aber realistisch.

„Für mich und das Team war es ein großartiger Tag. Die Etappe war sehr lang, aber so hatte ich wenigstens länger Gelegenheit, mich am gelben Trikot zu freuen. Das Team war zuversichtlich, dass wir das Rennen von Anfang an kontrollieren können, sodass ich diese Erfahrung sicher nicht vergessen werde.
Wir werden sehen, wie es auf dem Weg hoch nach Super Besse laufen wird. Ich kann zwei Tage als Führender in der Gesamtwertung und einen Etappensieg für mich verbuchen. Alles, was jetzt noch kommt, ist ein Bonus, aber ich werde morgen ganz sicher nicht aufgeben. Ich werde kämpfen, um das Trikot zu verteidigen. Ich weiß, dass es auf den anstehenden Bergetappen sehr schwer wird, aber wir werden hart arbeiten und alles nur Menschenmögliche versuchen.“

 

Thor Hushovd: "Cavendish ist der neue McEwen."

Als Vierter der Etappe nach Châteauroux holt Hushovd genug Punkte, um sich am Ende das grüne Trikot zu sichern.

„Erneut haben alle Fahrer im Team hart gearbeitet. Unser Ziel ist natürlich immer noch, eine Etappe zu gewinnen. Das hat nicht funktioniert, aber unser Plan war auch, uns das grüne Trikot zu holen, was uns auch gelungen ist, also bin ich sehr zufrieden. Jetzt werde ich versuchen, es zu verteidigen. Ich weiß, dass das nicht leicht wird, weil Freire mir auf den Fersen ist, ebenso wie Kirchen.
Wir haben die Ausreißer heute erst auf den letzten Drücker eingeholt. Ich weiß, dass Nicolas Vogondy ein cleverer Fahrer ist, und es hätte für ihn heute fast hingehauen. Wir hatten Angst, weil es sehr viel Arbeit erfordert hat, aber wir haben zumindest den Sprint herbeigeführt.
Cavendish ist ein großer Etappenjäger und das hat er heute eindrucksvoll demonstriert. Er ist nicht unbezwingbar, aber er ist ohne Zweifel der neue McEwen: Wir werden ihn viele große Rennen gewinnen sehen, soviel ist sicher.“

 

Mark Cavendish: "Ich musste zeigen, dass ich der schnellste Fahrer der Welt bin."

Mit seinen 23 Jahren gehört Mark Cavendish zu den talentiertesten Sprintern der Welt. Es ist erst seine zweite Tour de France, aber er hat immer wieder betont, dass er eine Etappe gewinnen würde. Die Sprinter holten die Ausreißer, die bereits zu Beginn der Etappe davonzogen, erst kurz vor dem Ziel ein, aber dann übernahm der Mann von der Isle of Man das Rennen.

„Wir sind hier mit einem starken Team angetreten und das stellen wir konsequent unter Beweis. Früher oder später musste einer von uns eine Etappe gewinnen, und nachdem es uns vor zwei Tagen nicht gelang, die Ausreißer einzuholen, wollte ich meine Kameraden heute nicht enttäuschen. Viele britische Fans denken bei Radsport nur an die Olympischen Spiele und die Tour de France und haben keine Gelegenheit zu verfolgen, wie viele andere Rennen ich schon gefahren bin. Jetzt konnte ich ihnen wenigstens zeigen, dass ich der schnellste Fahrer der Welt bin.
Am Ende war es richtig eng. Eine Zeitlang dachte ich, wir holen die Ausreißer zu früh ein, und dann habe ich mit Thor gesprochen und gesagt: ‚Vielleicht sind wir etwas zu schnell.’ Er antwortete: ‚Nein, die spielen mit uns. Sie werden wieder beschleunigen.’
Das zeigt, wie viel Klasse und Erfahrung Thor hat. Gerolsteiner, Crédit Agricole und meine Kollegen von Columbia haben alle Vollgas gegeben, um die Ausreißer einzuholen. Wir haben es auf der Ziellinie knapp geschafft. Das zeigt, dass hier alles passieren kann.
Ich glaube, das grüne Trikot ist für mich unerreichbar. Ich bin hier nicht mit dem Ziel angetreten, das zu erreichen; ich wollte nur Etappen gewinnen. Wir waren schon einige Male ganz nah dran – wir waren unter den besten fünf. Unser Team musste irgendwann auf dem Siegertreppchen stehen und heute haben wir es geschafft.”

 

Agenturmeldungen

17:17 - Top Fünf der fünften Etappe

Der französische Meister wurde auf den letzten 50 Metern von den Sprintern eingeholt. Die fünf schnellsten Fahrer auf der längsten Etappe der Tour de France 2008:
1. Mark Cavendish (GBR) THR
2. Oscar Freire (ESP) RAB
3. Erik Zabel (DEU) MRM
4. Thor Hushovd (NOR) C.A
5. Baden Cooke (AUS) BAR

17:16 - Cavendish holt seinen ersten Etappensieg

Er hatte es angekündigt und jetzt macht er es wahr: Mark Cavendish schlägt Zabel und Freire im Zieleinlauf der fünften Etappe.

17:15 - Von Cavendish überholt!

Vogondys Versuch in letzter Minute war wacker, aber fruchtlos. Mark Cavendish schiebt sich auf den letzten 200m in Führung.

17:14 - Vogondy führt

Vogondy versucht sein Glück auf dem letzten Kilometer. Noch hält er das Peloton auf Abstand.

17:13 - 8" Vorsprung und noch 2km

Vogondy, Brard und Jégou halten einen Vorsprung auf das Feld. 2km vor dem Ziel sind es noch 8".