Tagebuch der Etappe

étape 6 - Gérone Barcelone 181.5 km
Donnerstag 9 Juli

Hushovd mit dem richtigen Timing

Thor HUSHOVD© A.S.O.

 

Der Abstecher nach Spanien hat der Tour einen genauso regen- wie abwechslungsreichen Tag beschert. Den Ausreißern des Tages blieb der Lohn für ihre Mühen verwehrt, das gilt insbesondere für David Millar, den Initiator eines Ausreißversuchs, der die Gruppe später verließ und sein Glück im Alleingang versuchte. Auf den letzten beiden Rennkilometern wurde der Brite schließlich noch abgefangen, woraufhin die Sprinter und die Allrounder die Sache im Anstieg von Montjuich unter sich ausmachten. Hushovd verstand es, seine Attacke zum richtigen Zeitpunkt zu platzieren, auf den letzten hundert Metern, um vor allem Oscar Freire noch vor dem Zielstrich abzufangen. Durch seinen insgesamt sechsten Tour-Etappensieg rückt Hushovd auch wieder näher an Cavendish heran, der beim Schlussspurt durch Abwesenheit glänzte, aber das Grüne Trikot behauptete.

Zabriskie gestellt
Potenzielle Ausreißer gibt es zu Beginn der Etappe viele, doch kann keiner eine Bresche schlagen. Das Peloton hält das Tempo hoch, sodass auch ein Profi mit fahrerischen Qualitäten wie David Zabriskie abdique aufsteckt, nachdem er einige Kilometer lang vor dem Anstieg zur Côte de Sant Feliu de Guixols alleine in Führung lag. Sein Teamgefährte David Millar lässt noch etwas Zeit verstreichen, attackiert aber schließlich bei Km 46 nachhaltig und überzeugend. Sylvain Chavanel, und später Stéphane Augé, heften sich an seine Fersen und schließen bei Km 49 zu ihm auf.
Txurruka verstärkt das Trio
Das neu zusammengestellte Trio kommt nur schwerlich voran, der 10. Rang von Millar in der Gesamtwertung verhindert, dass sich die Gruppe deutlicher absetzt. Der Abstand gipfelt in einer Zeit von 3’45’’ beim Zwischensprint von Lloret de Mar. Die insbesondere von Astana angezogenen Zügel halten Stéphane Augé nicht davon ab, Punkte für die Bergwertung zu sammeln. Der Cofidis-Fahrer überquert als Erster den Collsacreu (Km 110) und sichert sich dadurch vorläufig das Bergtrikot. Um sich gegen die Aufholjagd des Pelotons zur Wehr zu setzen, nehmen die Ausreißer Amets Txurruka (Km 111) in ihrer Gruppe auf, nachdem sich dieser während des Anstiegs vom Feld gelöst hatte.
Millar im Alleingang
Trotz der Verstärkung tritt die Gruppe auf der Stelle. Das von Astana und auch Milram, Katusha sowie Rabobank angeführte Feld lässt einen Höchstabstand von etwa 1’30’’ zu. Bei Km 29 vor dem Ziel fasst sich der Brite Millar ein Herz und lässt seine perplexen Weggefährten stehen. Der leistungsstarke Zeitfahrer nimmt auf dem Sattel die richtige Haltung ein, um sich der katalanischen Hauptstadt entgegen zu stürzen. Auf dem Gipfel des Conreria liegt Millar 28’’ vor Txurruka, während Chavanel und Augé vom Feld gestellt werden.
Hushovd, auf den letzten hundert Metern
Für Millar wird die Luft 15 Km vor dem Ziel dünn, er liegt eine Minute vor Txurruka, der inzwischen Unterstützung von Pauriol erhalten hat. Das aufgrund der nassen und rutschigen Straßen in Barcelona von vielen Stürzen gespaltene Peloton zögert lange genug, um Millar wieder Hoffnung einzuimpfen. Aber 3 Km vor dem Ziel erscheint sein Vorsprung von 25’’ zu wackelig. Er erklimmt den Abschlussanstieg von Montjuich auf den ersten Metern im Alleingang, aber das bis auf etwa 40 Fahrer geschrumpfte Hauptfeld stellt ihn 1500 Meter vor der Ziellinie. Auf den letzten paar 100 Metern bahnt sich ein Kampf der Sprinter an, zu dem sich auch Allrounder gesellen. Voreilig stürzt Romain Feillu nach vorne, aber Oscar Freire und Filippo Pozzato scheinen die besten Karten zu haben. Doch in Wirklichkeit hat sich Thor Hushovd seine Körner für die letzten hundert Meter aufgespart. Sein kraftvoller Antritt verhilft ihm zum ersten Tageserfolg der diesjährigen Tour, seinem sechsten insgesamt.

 

David Millar: «Meine Attacke war eine Entscheidung aus dem Bauch heraus»

Der Initiator der heutigen Ausreißergruppe, David Millar, hat zum Schluss einen Alleingang gewagt, wurde aber weniger als 2 Km vor dem Ziel abgefangen. Er erhält die Auszeichnung des kämpferischsten Fahrers.

«Ich wohne in Gerona, also war für mich klar, dass ich heute etwas versuchen musste. Ich hätte nicht gedacht, dass ich mich auf dieser Etappe so wohl fühlen würde. Es ist schon enttäuschend, den Sieg so nahe vor Augen zu haben und ihn schlussendlich doch zu verpassen. Meine Attacke war eine Entscheidung aus dem Bauch heraus, ich kenne diese Straßen wie meine Westentasche. Die Situation wurde richtig witzig mit dem Katz- und Mausspiel zwischen Ausreißern und Hauptfeld. Ich wusste, dass sich irgendwann die Gelegenheit bieten würde, die anderen zurückzulassen, denn ich konnte schneller vorankommen. Deshalb habe ich mich auf den Kampf David gegen Goliath eingelassen, ich gegen etwa hundert Fahrer, das hat Spaß gemacht. Die Ankunft in Barcelona war mit den ganzen Menschenmassen ungemein beeindruckend. 10 Kilometer vor dem Ziel fing ich allmählich an, an meine Chance zu glauben, doch beim Anblick der breiten Prachtstraßen von Barcelona mit den langen Geraden über 4 Kilometer dachte ich schon, dass dies dem Peloton in die Karten spielen, und es für mich sehr schwer würde. Sie konnten die Verfolgung organisieren. Mein ganzer Vorsprung sollte wegbröckeln, trotzdem habe ich nicht nachgelassen. Auf den letzten zwei Kilometern dachte ich einfach nur, dass ich sterben würde, was aber völlig normal ist.»